Großalarm in der Rüthnicker Heide
Rüthnick / Beetz. Es ist der absolute Stresstest für die Retter der Region: Wenn in den weiten, oft schwer zugänglichen und brandgefährlichen Wäldern Brandenburgs ein Feuer ausbricht, zählt nicht nur Schnelligkeit, sondern vor allem ein blindes Verständnis aller beteiligten Organisationen. Genau dieses hochkomplexe Zusammenspiel üben an diesem Wochenende mehr als 850 Einsatzkräfte der Landkreise Ostprignitz-Ruppin und Oberhavel. Das groß angelegte Manöver simuliert ein Schreckensszenario, das angesichts des Klimawandels und anhaltender Trockenperioden längst zur realistischen Bedrohung vor der eigenen Haustür geworden ist.
Der Startschuss für das Mammutprojekt fiel bereits am Freitagnachmittag mit einer logistischen Meisterleistung. Auf einer weitläufigen Wiese zwischen Beetz und Rüthnick stampfte das Technische Hilfswerk buchstäblich aus dem Nichts einen riesigen Bereitstellungsraum aus dem Boden. Während schwere Radlader Materialboxen umherwuchteten und Helfer ganze Zeltstädte errichteten, kreisten bereits moderne Aufklärungsdrohnen am Himmel, um der Einsatzleitung erste Übersichtsbilder zu liefern. Ein besonderer Blickfang war dabei das neue, ballistisch geschützte Waldbrand-Spezialfahrzeug des Landeskatastrophenschutzes – ein gepanzerter Riese, der genau für die unwegsamen und lebensgefährlichen Gebiete konzipiert wurde, in die sich die Helfer am nächsten Tag wagen sollten.
Am Samstagmorgen hatte die Beschaulichkeit der Aufbauphase dann ein Ende. Das Drehbuch der Übung unter der Leitung der Kreisbrandmeister Gerd Ritter aus Oberhavel und Olaf Lehmann aus OPR war gnadenlos: Angenommen wurde eine wochenlange Dürreperiode mit Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke. Bei Waldbrandgefahrenstufe 5 und ungünstigen Winden entzündete sich ein Feuer im Löwenberger Land, das sich rasend schnell ausbreitete und die Ortschaften Ludwigsaue sowie Neu Ludwigsaue zu verschlingen drohte. Die örtlichen Wehren waren schnell am Limit, woraufhin der Landrat den Großschadensfall auslöste.
Wie wichtig es ist, in solchen Momenten vorbereitet zu sein, unterstrichen die Verantwortlichen direkt vor Ort im Bereitstellungsraum. Der Landrat von Ostprignitz-Ruppin, Ralf Reinhardt, lobte den unermüdlichen Einsatz der Freiwilligen, die ihr Wochenende opfern, denn der Katastrophenschutz müsse an jedem Tag der Woche blind funktionieren. Sein Amtskollege aus Oberhavel, Alexander Tönnies, sah in dem Großaufgebot zudem ein essenzielles Signal an die Bürgerinnen und Bürger: Man wolle zeigen, dass man für den Ernstfall gerüstet sei und die Menschen sich auf die Rettungskräfte verlassen können.
Was sich anschließend tief in der Rüthnicker Heide auf einer Strecke von über 20 Kilometern abspielte, glich einer militärisch-zivilen Präzisionsoperation. Da die märkischen Wälder stark mit alter Munition belastet sind, wäre es für die Feuerwehrleute vielerorts purer Selbstmord, die Flammen direkt anzugreifen. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann betonte vor Ort, dass das Land aus den verheerenden Bränden der Vergangenheit, wie etwa in Beelitz, harte Lehren gezogen habe. Damals sei man schlichtweg nicht ausreichend ausgerüstet gewesen. Das Bild hat sich gewandelt: Bei der Übung kamen ferngesteuerte Minenräumer und unbemannte Löschroboter zum Einsatz, die in die Todeszonen vorrückten. Gleichzeitig zogen massive Forstpflüge tiefe Furchen in den Waldboden, um dem Feuer durch diese Wundstreifen die Nahrung zu entziehen.
Doch die beste Technik nützt nichts ohne Wasser. Weil Hydranten zwischen den Kiefern fehlen, bauten die Retter eine gigantische Wasserversorgung auf, die zehntausende Liter aus dem Beetzer See über eine Distanz von fünf Kilometern tief in den Forst pumpte. Auch diese leistungsstarken Pumpensysteme sind Teil der neuen Investitionen des Landes. Mit in Reihe geschalteten Hochleistungspumpen und speziellen Regnersystemen errichteten die Einsatzkräfte nasse Barrieren, um das fiktive Feuer vor den bedrohten Dörfern zu stoppen. Unterstützung kam dabei auch von oben: Ein Hubschrauber der Bundespolizei warf gezielt Löschwasser ab. Von einer eigenen Löschflugzeug-Staffel für Brandenburg hält Innenminister Redmann hingegen wenig. Er plädiert für eine europäische Lösung, bei der Flugzeuge flexibel dort eingesetzt werden, wo sie auf dem Kontinent gerade am dringendsten gebraucht werden.
Während an der Front gegen Hitze und Trockenheit gekämpft und parallel die geordnete Evakuierung der betroffenen Dörfer geprobt wurde, glühten im Oranienburger Technik- und Ausbildungszentrum die Drähte. Dort lenkte der Krisenstab die hunderten Helfer fernab des Rauchs. Um die interkommunale Zusammenarbeit auf die Spitze zu treiben, wurde die Einsatzleitung während des Wochenendes sogar komplett vom Landkreis Oberhavel an Ostprignitz-Ruppin übergeben. Allein in OPR gibt es 90.000 Hektar Wald, darunter die gefährliche Kyritz-Ruppiner Heide. Bei einem Ernstfall dort müssen die Führungskräfte genau wissen, wer am anderen Ende der Funkleitung sitzt.
Wenn am morgigen Sonntag die Schläuche wieder eingerollt werden, haben Feuerwehren aus sechs Landkreisen, das THW, das Rote Kreuz, die Bundeswehr, die Bundespolizei und zahllose weitere Einheiten bewiesen, dass sie bereit sind. Die wichtigste Lektion dieses Wochenendes lautet: Die neu angeschaffte Technik funktioniert, und in der Not verschmelzen Organisationsgrenzen zu einer schlagkräftigen Einheit, die Leben und Natur zu schützen weiß.
Das sagten die Landräte aus OPR & OHV und der Innenminister
Ralf Reinhardt (Landrat Ostprignitz-Ruppin):
Er bedankt sich ausdrücklich bei den Einsatzkräften für das Opfern ihrer Freizeit am Wochenende. Er betont, dass der Katastrophenschutz und die Feuerwehr verlässlich funktionieren müssen, unabhängig davon, ob es sich um einen Arbeitstag oder ein Wochenende handelt. Er wünscht den Übenden eine glückliche Hand und einen reibungslosen Ablauf mit möglichst wenigen Pannen.
Alexander Tönnies (Landrat Oberhavel):
Er richtet seinen Dank an die über 850 beteiligten Kameradinnen und Kameraden. Für ihn ist die Übung essenziell, damit sich die Menschen über die Kreisgrenzen hinweg besser kennenlernen. Zudem sei die Übung ein enorm wichtiges Signal an die Bevölkerung, um zu zeigen: „Wir bereiten uns ernsthaft auf Krisenlagen vor und sind handlungsfähig.“
Jan Redmann (Innenminister des Landes Brandenburg):
Der Minister zieht Lehren aus der Vergangenheit. Nach den verheerenden Waldbränden bei Beelitz habe man feststellen müssen, dass Brandenburg nicht ausreichend ausgerüstet war. Daraufhin habe das Land massiv in neue Technik investiert. Er verweist auf ferngesteuerte Systeme für munitionsbelastete Gebiete, in die keine Feuerwehrleute vordringen dürfen, sowie auf neu angeschaffte Hochleistungspumpen, um Wasser über große Distanzen heranzuschaffen. Auch die Zusammenarbeit über Kreisgrenzen hinweg müsse zwingend trainiert werden, weshalb Oberhavel und Ostprignitz-Ruppin hier gemeinsam agieren. Auf die Frage nach Löschflugzeugen reagiert Redmann zurückhaltend: Eine eigene Staffel für Brandenburg ergebe keinen Sinn. Dies sei eine Aufgabe, die auf europäischer Ebene durch einen gemeinsamen Pool an Flugzeugen gelöst werden müsse, die dort eingesetzt werden, wo es gerade brennt.